Predigten

Vom Traum einer neuen Wirklichkeit

Predigt gehalten am 10.März 2013, Ü30-Gottesdienst, in St. Patrokli

Im Rahmen meiner Projekte zum Thema Kreuz bin ich häufig persönlich aus sog. „Kunstkreisen" angegriffen worden, in dem Sinne: „Du hast jetzt aufgehört Kunst zu machen" oder „wann kommst Du wieder zur Kunst zurück?" oder in einem Brief eines Kunstsammlers heißt es: „ich bin tief entsetzt, dass Sie in die klerikale Kunst abgerutscht sind" etc. Diese Beispiele lassen sich bis zum heutigen Tage fortsetzten.

Ich will eins als erstes klar und deutlich sagen: Die Freiheit des Künstlers bedeutet für mich auch, frei zu sein, sich mit Glauben, Religion und dem Kreuz als universalem Menschheitszeichen auseinanderzusetzen.

Im Verhältnis zu allen vorherigen Ausstellungen und Projekten, die Ästhetik- und Wahrnehmungsfragen in den Vordergrund stellten, habe ich jetzt die Menschen und die Menschen haben mich berührt. Noch nie haben über hunderttausend Menschen sich mit meiner Arbeit auseinandergesetzt. Diese Projekte waren nicht für den kleinen, geschlossenen Kreis der wissenden „Hohenpriester" der Moderne, sondern erreichte die Menschen.

Den größten Widerspruch lösten bei einigen wenigen Vertretern des Klerus die Lichtkreuze, die Schönheit der Kreuze, aus. So wurde mir vorgehalten, dass meine Kreuze zu schön sind. Ein Pfarrer war froh, dass das große Lichtkreuz, das Kreuz der Auferstehung, wieder aus der Kirche entschwand, weil so, seine Begründung, „Die Kirchenbesucher nur noch auf das Kreuz schauen und nicht mehr auf das Wort Gottes hören." Im Gegensatz dazu lösten meine Lichtkreuze bei den Gläubigen und beim großen Teil des Klerus Begeisterung und Zustimmung aus.

Das Licht, das verbindende Element von Kunst und Glaube, versuche ich ja gerade in meinen Arbeiten spürbar werden zu lassen.

Wie in all den Jahrhunderten, von den Darstellungen der Ägypter in ihren Reliefs, die darin das Licht einfangen wollten, über El Greco der mit der Farbe Weiß versucht das Licht in seinen Bildern zu bannen, über William Turner dem großen Maler des Lichtes, bis zu den Künstlern der heutigen Tage, wie Gerhard Richters umstrittenes Lichtfenster im Kölner Dom. Das Licht ist ein immer währendes Thema der Künstler. Unser Glaube ist ein Lichtglaube, der manchmal leider sehr düster und finster daher kommt Ich frage mich auch: Muss es eigentlich sein, dass das Christentum, das einstmals so ungeheuer revolutionär begonnen hat, nun für alle Zeiten Konservativ ist?

Und Gott sprach: „Es werde Licht und es ward Licht" das waren die ersten Schöpfungsworte, vor allem anderen schuf er das Licht. Und Gott sah das das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. So steht es in der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments.

Am ersten Tag ruft Gott das Licht in die Welt.

Es geht um das Licht.

Am Anfang der Christenheit stand das Zeichen des Kreuzes im Licht, im Zeichen der Auferstehung. Leider ist über die Jahrhunderte dieses Lichtkreuz als Zeichen der Auferstehung fast ganz verschwunden. Goldene Kuppelkreuze, Gemmenkreuze wichen den Leiddarstellungen am Kreuz.

In der Karfreitagsliturgie heißt es. „Seht das Holz des Kreuzes, an dem gehangen das Heil der Welt. „ Gezeigt wird das leere Kreuz, das in der frühen Kirche als kosmisches Heils- und Siegeszeichen verstanden und deshalb mit Gold verziert und kostbaren Steinen geschmückt wurde. Im Mittelpunkt steht nicht der gemarterte Gekreuzigte, kein schreckliches Leidensbild, kein Kruzifixus, sondern ein österliches Heils- und Hoffnungsbild.

Im Lobpreis des Lichtes heißt es in der armenischen Kirche: „Gepriesen bist Du, Gott, der Du die Lichter in der Höhe

geschaffen hast und der Du das Licht in den Himmel leuchten lässt über das All. Du hast die Sonne für den Tag geschaffen und den Mond und die Sterne für die Nacht und das Licht der Kerzen. Du bist das hoch gelobte Licht, das heilige Licht des Urbeginns, vor Dir flieht alle Finsternis."

Bei Jesaja 9 heißt es: „Das Volk, das im Finsteren wandelt, sieht ein großes Licht und über denen, die da wohnen im finsteren Lande scheint es hell."

„Nicht von der Kunst des Sterbens, sondern von der Auferstehung Christi her kann ein neuer, reinigender Wind in die gegenwärtige Welt wehen", so Dietrich Bonhoeffer, der große evangelische Theologe und Märtyrer.

Jesus sagt von sich:"Ich bin das Licht der Welt" und im Matthäusevangelium heißt es:"Wer diesem Licht folgt, wird nicht im Finstern wandeln, sondern wird selbst zum Licht für die Menschen in der Welt."

Unser Glaube ist ja nicht ein Glaube von Sünde und Dunkelheit, sondern unser Glaube ist ein Lichtglaube, tief verwurzelt in der jüdischen Tradition des Alten Testamentes. So wird z.B. im Buch Exodus beschrieben wie Moses die 10 Gebote von Gott bekommt.

„Mose blieb dort beim Herrn vierzig Tage und vierzig Nächte. Er aß kein Brot und trank kein Wasser. Er schrieb die Worte des Bundes, die zehn Worte, auf Tafeln.

Als Mose vom Sinai herunterstieg, hatte er die beiden Tafeln der Bundesurkunde in der Hand. Während Mose vom Berg herunterstieg wusste er nicht, dass die Haut seines Gesichtes Licht ausstrahlte, weil er mit dem Herrn geredet hatte.

Als Aaron und alle Israeliten Mose sahen, strahlte die Haut seines Gesichtes Licht aus und sie fürchteten sich, in seine Nähe zu kommen. Erst als Mose sie rief, kamen Aaron und alle Sippenhäupter der Gemeinde zu ihm zurück und Mose redete mit ihnen. Dann kamen die Israeliten herbei und er übergab ihnen alle Gebote, die der Herr ihm auf dem Sinai mitgeteilt hatte. Als Mose aufhörte, mit ihnen zu reden, legte er über sein Gesicht einen Schleier." Er war so voller Licht, dass er einen Schleier über sein Haupt legen musste, damit die Menschen ihn ansehen konnten. Welch wunderbare und wundersame Geschichte ?

Bei Jesaja 16 heißt es:"Bei Tag wird nicht mehr die Sonne dein Licht sein und um die Nacht zu erhellen, scheint dir nicht mehr der Mond. Sondern der Herr ist Dein ewiges Licht, dein Gott, dein strahlender Glanz. Deine Sonne geht nicht mehr unter und dein Mond nimmt nicht mehr ab. Denn der Herr ist dein ewiges Licht."

Und im Johannesevangelium heißt es:" Das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkünden. Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm."

Das Lichtkreuz ist Hoffnungszeichen und Himmelsleiter. In den letzten Jahrhunderten war von dem Kreuz als Himmelszeichen keine Rede mehr. Auch in der Kirche und in der Kunst nicht, das Leid, die Schuld überdeckte alles.

Wir müssen uns selbst fragen, wie wir mit dem Symbol unseres Glaubens umgegangen sind. Unsere eigene Gewissenserforschung tut not.

Warum so frage ich, wird das Zeichen des Kreuzes bei uns nur als Todeszeichen gesehen?

Wo haben Christen und Kirchen womöglich selbst dazu beigetragen, dass es zu solchen eklatanten Missdeutungen des Kreuzsymbols überhaupt kommen konnte? Und immer noch schwingt der Verdacht mit, die Christen seien ins Negative verliebt und hätten nichts anderes im Sinn, als Schuld, Sünde und Opfer.

„Vom Kreuz Christi kommt die Freude in die Welt" heißt es in der Karfreitagsliturgie. Warum wird das so wenig verständlich und erfahrbar?

Nur davon zu reden, dass das Kreuz Christi uns Christen wahrhaft ein Segen ist, wie wir es bei jedem Kreuzzeichen betend praktizieren, genügt nicht. Es muss inhaltlich von allen Menschen guten Willens mit vollziehbar sein, warum es uns Christen ein so zentrales Symbol ist.

Eines muss klar rüberkommen: Es geht christlich nicht um das Kreuz als solches, schon gar nicht als Folterinstrument, sondern um das österliche Wort vom Kreuz, um das Symbol göttlicher Liebe. Bis zum Ende des ersten Jahrtausends blieb das Kreuz immer ein Triumphkreuz, ein Lebensbaum, die Darstellung einer letztendlich wunderbaren erfreulichen Erfolgsgeschichte.

Justin der Märtyrer, der 165 n.Chr. starb, deutete als erster das Kreuz, an dem Jesus gestorben ist, als Zeichen des Kosmos.

„ Der, der am Kreuz ausgespannt starb, ist der, der das Universum in sich eint" schrieb einer seiner Nachfolger, der Kirchenlehrer Gregor von Nyssa. Im vierten Jahrhundert wurde dann das Kreuz zum Zeichen des Sieges Christi über den Tod und des Kaisers über seine Feinde. Als Goldkreuz verband es sich mit dem unvergänglichen Licht und wurde als Mosaik gebildet, am schönsten im dunkelblauen, mit Sternen übersäten Gewölbe der Kirche des HI. Appolinaris in Ravenna.

In vielen Kirchen steht das strahlende goldene Kreuz als Ziel von Feier und Gebet der Gemeinde in der Apsis. Kleine Goldblechkreuze wurden auf Tücher genäht und den Toten bei der Bestattung auf das Gesicht gelegt, damit sie das ewige Licht und das Zeichen des Sieges über den Tod auch unter der Erde noch vor Augen hatten.

Das Leuchten des Goldes, das weder von der Luft noch von Wasser und Feuer vermindert wird, war schon im alten Orient Bild für ein ewiges unvergängliches Licht. Als solches wird es in der Apokalypse dichterisch, in Mosaiken, Goldgrundikonen, Kelchen und Kreuzen künstlerisch gebraucht. Heute ist die Vorstellung von Gold vielmehr mit Geld, mit seinem materiellen Wert als mit seinem Lichtwert verbunden. Dadurch wird die Wahrnehmung vieler Kirchenräume verstellt. Es geht nicht um Kostbarkeit, sondern um Heiligkeit. Als goldene Hülle des Kreuzesholzes erinnert es an die Herrlichkeit Gottes im Himmel. Dagegen anzureden, also Gold immer wieder als Zeichen ewiges Licht zu erklären, ist nicht nur Aufgabe eines Künstlers wie mir, sondern auch der Priester und Bischöfe.

Das Reichskreuz der deutschen Kaiser in der Wiener Schatzkammer ist ein Beispiel für die mit Edelsteinen besetzten Kreuze um das Jahrtausend. Die Außenseiten sind mit Goldblech beschlagen. Das Reichskreuz ist ein Beispiel für die vielen Goldkreuze des ersten Jahrtausends, des Früh- und Hochmittelalters, mit denen die Erlösung immer wieder freudig gefeiert wurde. Die wunderbaren Goldkreuze der Äbtissinnen Ida, Mathilde und Theophana im Stift Essen.

Diese Goldkreuze wurden abgelöst durch Kruzifixe, die das Leid Jesu ausdrückten und den christlichen Glauben verdüsterten. Und diese Verdüsterung, die sich in den qualvollen Kruzifixen des 14., den bleichen Missionskreuzen des 20. Jahrhundert zeigt, und in den von Kreuzwegstationen und Beichtstühlen dominierten Kirchen, diese Verdüsterung ist kein ästhetisches Ereignis. Sie lässt viele kirchliche Räume depressiv und traurig wirken.

Das Kruzifix, das plastische Bild eines Menschen am Kreuz, ist viel jünger als das Kreuzzeichen und nur in der westlichen, lateinischen Kirche bekannt. Nicht in den ersten christlichen Kirchen wie in der armenischen, assyrischen oder koptische Kirche, nicht in Byzanz und nicht in den orthodoxen Kirchen.

Mit wenigen Ausnahmen sind alle Kruzifixe vom Passionsbericht des Johannesevangelium geprägt: Die von Nägeln durchbohrten Hände und Füße, die Seitenwunde und das geneigte Haupt werden nur im Johannesevangelium erwähnt. Die Wundmale an Händen und Füßen werden nur als Erkennungszeichen des auferstandenen Christus in der Ostererzählung (Joh. 20,25) erwähnt. Die drei anderen Evangelien berichten nichts über die Befestigung des Körpers Jesu am Kreuz; normalerweise wurde der Hinzurichtende mit Stricken angebunden. Das blenden unsere Kruzifixe aus, ebenso wie die anstößige Nacktheit. Sie war Teil der öffentlichen Erniedrigung, bleibt uns aber im üblichen Kruzifix durch ein Lendentuch erspart. Dieses Lendentuch war bei den ältesten Kruzifixen kostbar farbig

gefasst und feierlich gefaltet, wie die Röcke der ägyptischen Pharaonen. Seit dem 13. Jahrhundert wurde es weiß dargestellt und verknotet, weil die Franziskaner die fromme Vorstellung verbreiteten, Maria habe aus Mitleid und Scham ihrem Kopfschleier um die Hüften ihres entblößten Sohnes gebunden. Im 15. Jahrhundert begannen die Enden dieses Tuches im Wind heftig zu flattern, um die Erinnerung an den Sturm wachzurufen, den der Evangelist Matthäus beim Tode Jesu beschreibt. Im Barock lässt das Lendentuch meist eine Hüfte frei, um den Leib Christi als den schönsten aller Menschenkinder zu zeigen.

Ich sage: Traditionelle Kruzifixe verengen den Blick auf den Skandal des Kreuzes. Das ältere Zeichen des Kreuzes, legt unsere Vorstellung nicht fest und passt auch zu den Passionsberichten des Matthäus, des Markus und des Lukas, weil es auf das Abbild verzichtet.

Natürlich ist das Kreuz Jesu Ärgernis. Aber das unglaublich Herausfordernde und wirklich Anstößige ist nicht das Kreuz, sondern die Osterbotschaft vom gekreuzigten Auferstandenen. Nicht von Leidverklärung, nicht von Fixierung auf einen böse gequälten Menschen, sondern das genaue Gegenteil: Die rettende Treue Gottes ist stärker als die brutalste Gewalttat und die vermeintlich sinnloseste Sterbensdramatik.

Diese Sicht revolutionierte die Verhältnisse, ermöglichte Vergebungsbereitschaft und Widerstandskraft, verpflichtete zu einer Kultur der Feindesliebe und der Gewaltlosigkeit.

Das Mysterium der Treue Gottes zu uns Menschen wird im Leben und Sterben Jesu österlich aufgedeckt. Unfassbar ist es deshalb, dass trotzdem immer noch Vorstellungen von einem grausamen Gott, einem Opfergott im Umlauf sind.

Wie oft ist das Zeichen des Kreuzes in Banalität und Kitsch abgerutscht? Nur durch den Glauben an die Auferstehung wird das Kreuz zum Lebenszeichen. Der Logik des Verstandes bleibt es immer unzugänglich.

Wir Christen veröffentlichen das Zeichen des Kreuzes auch in den Schulen, nicht um den Blick sadomasochistisch auf die Gewalt zu fixieren, dies geschieht schon im Übermaß im Fernsehen und in Computerspielen.

Wir Christen veröffentlichen das Zeichen des Kreuzes als Zeichen der Erlösung, als Zeichen der himmlischen Auferstehung.

Im Lukasevangelium wird die Himmelfahrt Christ wunderbar beschrieben:"Er führte sie aber hinaus nach Bethanien und hob die Hände auf und segnete sie. Und es geschah, als er sie segnete, schied er von Ihnen und fuhr auf gen Himmel" (Luk. 24)

Mit dem Segen und nicht nach dem Segen verlässt der Auferstandene die Menschenwelt. Der Segen verbindet Himmel und Erde. Im Segen des Auferstandenen berühren sich Himmel und Erde, Gottesreich und Menschenwelt. Im Segenszeichen des Kreuzes verbinden sich Himmel und Erde. Mit meinen Lichtkreuzen versuche ich von diesem Segenszeichen eine Ahnung, eine Spur, einen Hinweis zu geben. Das Lichtkreuz ist Segenszeichen.

Es zeigt uns etwas was über den Tod hinausgeht. Es zeigt uns etwas von der kommenden Welt. Es zeigt uns Licht und Farben, Fülle und Freude und ist damit auch ein Trost. Es kann uns die Angst vor dem Ende ein wenig nehmen und es zeigt das hinter dem Dunkeln des Todes das Licht liegt. Wir Christen feiern den Sieg des ewigen Lebens über den Tod.

Meine Lichtkreuze sind keine Kreuze die niederdrücken, sondern der Versuch das himmlische Licht einzufangen. Das Lichtkreuz stellt uns vor Augen, dass der Tod für Gott keine Macht ist, die das Leben vernichten kann.

Meine Kreuze sind nicht Sinnbilder für die Macht des Todes und des Verderbens, sondern Symbole für das ewige Leben. Am Kreuz von Golgatha haben Liebe, Licht und Leben gesiegt! Unsere Bestimmung, die Bestimmung der Menschen, ist es an Gottes Liebe teilzuhaben und in ihr zu leben. Das ist das Wesentliche.

Wie oft ist das Zeichen des Kreuzes in Banalität und Kitsch abgerutscht? Nur durch den Glauben an die Auferstehung wird das Kreuz zum Lebenszeichen. Der Logik des Verstandes bleibt es unzugänglich. ... Wir Christen veröffentlichen das Zeichen des Kreuzes als Zeichen der Erlösung, der himmlischen Auferstehung. ...Wir brauchen den Glauben an das Unglaubliche, damit Veränderung noch möglich ist - und dazu kann die Kunst einen Beitrag leisten. In meinem Atelier hängen Gedichttafeln, eine davon habe ich Dom Helder Camara gewidmet: „Wenn einer alleine träumt, dann ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, dann ist es der Beginn einer neuen Wirklichkeit." Menschen, die einander ihre Visionen und Träume mitteilen, die geben sich selbst nicht auf, geben einander nicht auf und geben ihrer Zukunft ein Zuhause.

Die Vision des neuen Himmels und der neuen Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt, die Vision eines unvergänglichen Lebens in dem alle Tränen abgewischt sind, wo „Frieden und Gerechtigkeit sich küssen" wie es im Psalm 85 heißt, das ist das Licht des Glaubens.

Mögen meine Arbeiten dazu beitragen, das Visionen uns ermutigen, von dem Traum einer neuen Wirklichkeit. Uns befreien von Erstarrung, Resignation, Zynismus, Geiz und Neid und uns alle Sinne öffnet für eine neue Geschwisterlichkeit von Kunst und Glaube, von Hoffnung und Liebe und vom Licht eines anderen befreiten Lebens.

Ludger Hinse

 

Kreuze des Lichtes – der Wandlung – der Aufstehung

Predigt vorgetragen am 10.März 2013, 11 h, in St. Patrokli in Dortmund

Es gilt das persönliche Leben genau so wie das Leben der Kirche als einen Weg des Wandels, einen Weg der ständigen Veränderung zu verstehen. Wer so bleiben will, wie er ist, wird überhaupt nicht bleiben.

Bewusstes Leben gelingt dort, wo sich Menschen dem Urgesetz der Lebendigkeit, der Wandlung anvertrauen.

Nur wer sich verwandelt, kann auch verwandelt werden.

Wachstum bedeutet Wandel, wenn ich wachse verändere ich mich. Veränderung birgt Risiken, der Schritt vom Bekannten ins Unbekannte.

Wer den Wandel als immer währenden Prozess begreift, muss auch akzeptieren, dass er seine Auffassung revidieren muss. So erging es mir mit der Frage der Provokation durch das Kreuz.

War ich am Anfang meiner Arbeit mit dem Kreuz davon überzeugt, dass die Leidenskreuze oder das Kreuz der Erinnerung den größten Widerspruch auslösen würden, so musste ich im Laufe des Projektes feststellen, dass dies nur zum Teil stimmt.

Den größten Widerspruch lösten bei einigen wenigen Menschen die Lichtkreuze, die Schönheit der Kreuze, aus. So wurde mir vorgehalten, dass meine Kreuze zu schön sind. Ein evangelischer Pfarrer war froh, dass das große Lichtkreuz, das Kreuz der Auferstehung, wieder aus der Kirche entschwand, weil so, seine Begründung, „Die Kirchenbesucher nur noch auf das Kreuz schauen und nicht mehr auf das Wort Gottes hören." Ein katholischer Pater weigerte sich unter dem Sonnenkreuz die Heilige Messe zu feiern und verlangte die Abnahme des Kreuzes. Die Jugendlichen schrieben einen Protestbrief in dem u.a. stand "im Gegensatz zu Ihnen glauben wir, dass Gott dieses Kreuz liebt".

Bei den Besuchern, bei den Gläubigen und bei dem Großteil des Klerus lösten die Lichtkreuze Begeisterung und Zustimmung aus.

Aufgrund dieser Erfahrung habe ich mich intensiver mit dem Thema Licht in Verbindung mit Kreuzesdarstellungen beschäftigt.

In fast allen Kulturen steht das Helle, Lichte für das Gute, den Fortschritt und das Leben.

Dunkelheit dagegen steht für die Mächte der Finsternis und des Bösen.

In der biblischen Schöpfungsgeschichte ruft Gott das Licht am ersten Tag ins Sein. Im Johannes Evangelium ist das Licht die Ursprungskraft des göttlichen Wortes: „Gott war das Licht und das Licht leuchtete in der Finsternis."

Nach dem biblischen Schöpfungsbericht bildet das Licht den Anfang der Schöpfung, noch vor Raum und Zeit, vor Himmel und Erde, Sonne und Mond. „Es werde Licht" ist das erste der Schöpfungsworte, durch die Gott die Welt erschuf.

Am Anfang der Christenheit stand das Zeichen des Kreuzes im Licht als Zeichen der Auferstehung. Leider ist über die Jahrhunderte dieses Lichtkreuz als Zeichen der Auferstehung fast ganz verschwunden. Goldene Kuppelkreuze, Gemmenkreuze wichen den Leiddarstellungen am Kreuz

Das Lichtkreuz ist Hoffnungszeichen und Himmelsleiter. In den letzten Jahrhunderten war von dem Kreuz als Himmelszeichen keine Rede mehr. Auch in der Kirche und der Kunst nicht, das Leid, die Schuld überdeckte alles.

Das qualvolle Kruzifix verdrängte in der westlichen, lateinischen, römischen Kirche die goldenen Gemmenkreuze. Diese Verdüsterung, die sich in den qualvollen Kruzifixen des 14. Jh., den bleichen Missionskreuzen des 20 Jh. zeigt, setzt sich fort in den Kreuzwegstationen, in den mit leeren Beichtstühlen gestalteten Kirchenraum, diese Verdüsterung ist kein ästhetisches Ereignis, vielmehr wirken dadurch viele Kirchenräume depressiv. Der Raum der Kirche sollte aber nicht traurig und dunkel sein, sondern freundlich, licht und hell, denn hier wird die frohe Botschaft unseres Glaubens verkündet.

Unser Bewusstsein war und ist geprägt von einem durch die Jahrhunderte von Menschen an Menschen begangener, riesiger Schuld. Das Kreuz steht deshalb zu Recht für Leid und Elend auch in meinen Arbeiten.

Das Kreuz wurde auch als Siegeszeichen zur Unterdrückung der Völker missbraucht. Das begann mit Konstantin I bei der Schlacht an der Milvischen Brücke im Oktober 312 n.Chr. „In diesem Zeichen wirst Du siegen", dabei ging es nicht um den Sieg über den Tod, sondern den Sieg zur Unterwerfung seines Rivalen Maxentius. So wurde das Kreuz zum Feldzeichen und damit um seine Kraft gebracht.

Unser Kreuz ist ein Siegeszeichen über Sünde und Tod und ein Zeichen des neuen Lebens. Das ist für mich einer der tiefsten Glaubensgrundsätze.

An goldenen Gemmenkreuzen, am Goldkreuz wurde das unvergängliche Licht eingefangen und als Mosaik abgebildet. Wunderbar dargestellt in dem mit Sternen übersäten Gewölbe des Grabmals der Kaiserin Galla Placidia in Ravenna oder den byzantischen Kuppeln der Markusbasilika in Venedig.

Das Leuchten des Goldes wie man es in meinen SANCTA - Kreuzen findet, war schon im alten Orient ein Bild des ewigen, unvergänglichen Lichtes. Heute ist die Vorstellung von Gold vielmehr mit Geld, mit seinem materiellen Wert, als mit seinem Lichtwert verbunden.

„Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in Finsternis, sondern wird das Licht des ewigen Lebens haben." So steht es im Evangelium.

Ja, ich glaube an ein Leben nach dem Tod, voller Licht und Farbigkeit.

Träume den Weg in dieses andere Sein, dazu ist das Lichtkreuz ein Hoffnungszeichen.

Es gibt einen Anspruch auf Ästhetik und Schönheit unseres Glaubens, besonders der Kunst in unseren Kirchen. Es ist das Wort Jesu Christi aus dem Evangelium nach Matthäus: „ Ihr seid das Licht der Welt". Unser Glaube muss sich kraftvoll und lichtvoll darstellen, dann erlebt er auch wieder seine ungeheure Anziehungskraft.

„Wandelt als die Kinder des Lichtes" so heißt es im Kapitel 5 des Epheserbriefes.

In der Klarheit des Lichtes werden wir Gotteskinder heißen. Entdecke das Plus des Kreuzes als Zeichen des Heils, der Erlösung und des Überganges.

Im Johannesevangelium heißt es: „in ihm war das Leben, war das Licht der Menschen und das Licht leuchtete in der Finsternis." Die Auferstehung gehört zum Glauben und nicht zum Wissen. Es ist die uralte Sehnsucht des Menschen nach dem Anderen, nach einem anderen Leben nach dem Tod. Nicht beweisbar, aber voller Hoffnung.

Im Rahmen meines so vielschichtigen Kreuzprojektes habe ich auch Kreuzinstallationen im Hospiz zum Thema „den Übergang wagen", gemacht. Es war für mich nicht nur eine tiefe Erfahrung, sondern selbstverständlich, dass ich überall dort, wo Sterben stattfindet, Lichtkreuze installiere. Durch die Hospizbewegung habe ich mich auch mit Nahtoderfahrungen beschäftigt, mit Berichten von Menschen, die wieder zurückgekommen sind.

Wir alle werden, wie es auch im Leben passiert, sofern wir uns auf den Weg zur Ganzheit begeben haben, im Sterben das Kreuz erleben, unfehlbar dem im Leben begegnen, was uns durchkreuzt hat. Aber wir werden zugleich, wenn wir den Berichten über Nahtoderfahrungen glauben dürfen, in das Licht hinein gehen.

Der bekannte Filmregisseur Wim Wenders antwortet auf die Frage eines Journalisten: Muss man den Tod fürchten? Wie folgt: „Die Frage kann man nicht für andere beantworten. Für mich kann ich sagen: nein! Ich habe als junger Mann ein Erlebnis gehabt, wo ich dem Tod sehr nahe war. Damals wusste ich in meinem Herzen, dass ich sterben würde. Das war völlig klar und deutlich. Dann habe ich das Bewusstsein verloren und bin durch diese Tür gegangen, auf das Ende zu, wo alles hell wurde. Da war von Angst keine Spur, nur ein einziges großes Staunen über so viel Licht und Freiheit. Seitdem kann ich behaupten, vor dem Tod selber keine Angst zu haben. Die Menschen, die ich bis in den Tod begleitet habe, wie meinen Vater, die waren am Ende alle ganz ruhig und voller Erwartung."

Eugen Mühlfeit, der in Zeiten des kalten Krieges vom tschechischen Geheimdienst fast zu Tode gefoltert wurde berichtet darüber: „Ich spürte wie ich dem Tod näherkam. Zuerst war tiefste Dunkelheit in mir und um mich herum, die mich komplett verschlungen hatte. Irgendwann kam ein helles Licht, das mich umfasste und sich warm und gütig anfühlte. Das Licht kam immer wieder. Es schenkte mir neuen Mut, Hoffnung. und vor allem die Bestätigung, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Das Licht befreite mich von Zweifeln und Ängsten".

In diesen Berichten wird auch eines deutlich, die Menschen sehen, sie sprechen nicht, sie sehen mit ihrem inneren Auge Bilder vom Licht.

In der Bibel wird die vorzügliche Sinneskraft des Augenwesens Mensch bezeugt, wenn in der Bibel die Augen 866 Mal, d. h. weit öfter erwähnt sind als die Ohren, nämlich 187 Mal. Was kann das heißen?

Auch mit der Kraft unserer Augen, unserer visuellen Kraft können wir Gott lieben. Unsere Antwort auf die sehende Kraft unseres Glaubens liegt in dem Wort schön.

Das Lichtkreuz ist schön. Das Lichtkreuz soll den Weg zu Gott leichter machen, wie eine Himmelsleiter.

Das große, sich bewegende Lichtkreuz (es gibt ja noch andere Lichtkreuze) hängt nicht fest an der Wand sondern schwebt mitten im Raum, es nimmt sämtliche Umgebungsfarben auf und widerspiegelt sie, jeder Luftzug bewirkt das es sich leicht dreht, so wechselt die Farben und Bilder ständig-ein sinnliches Erlebnis. So habe ich an vielen Orten erlebt, das auch der moderne Mensch eine Ahnung davon spürt, wie es sein könnte, Auferstehung zu erleben, durchlässig zu sein für das göttliche Licht, das alles Dunkle verwandelt, alles Starre lebendig macht und viele Menschen in Bewegung bringt.

Es stößt an, alte Bilder von Gott, festgefahrenen Glauben neu zu erleben, zu bedenken, es ermöglicht Veränderung, eine neue Sicht auch im Glauben. Rein sinnlich wird das Symbol unseres Glaubens gewandelt von etwas, das durchkreuzt, im Wege steht, zu etwas, das alles aufnimmt, durchlässig ist, und gerade so alles verwandelt.

Eine Frau in Oldenburg schrieb zum Lichtkreuz ein Gedicht:

ZEICHEN

Konzentrische Kreuze
Strahlen aus der Mitte
zitternde Wellen
wie Morsesignale
zu allen Weltseiten

Die Lichtkreuze zeigen uns etwas, was über den Tod hinausgeht. Eine Lichtspur von der kommenden Welt. Es nimmt und die Angst vor dem Ende und zeigt uns, dass hinter der Dunkelheit ein Licht liegt.

Das Christentum ist im Kern eine österliche Religion. Kein Mensch darf mehr für irgendwelche Ziele geopfert werden, weil Jesus Christus ist für uns gestorben und im Licht auferstanden, das ist der Kern unseres christlichen Glaubens.

Im Lichtkreuz steht nicht der gemarterte Gekreuzigte, kein schreckliches Leidensbild, sondern ein österliches Heil- und Hoffnungszeichen. So verstanden ist das Kreuz ein Symbol des Lebens und der Überwindung des Todes. Das Lichtkreuz ist kein Kreuz was niederdrückt, es ist eben nicht ein Zeichen des Todes, sondern ein Zeichen der Auferstehung. Es zeigt uns eine Spur vom himmlischen Licht, das unsichtbare sichtbar machen. Es soll den Weg leuchten, in das Licht Gottes.

Kirche muss als Licht der Welt sichtbar sein, dies ist nicht nur eine Aufgabe der Kunst, sondern auch der Theologie.

Im Grunde hat meine Kirche jene Menschen nicht so gern, wie Friedhelm Mennekes es ausdrückt, die mystische und sinnliche Erfahrung machen. Das ist eben das Großartige an der Kunst, das sie die Sinne erweckt.

Ich will hinzufügen, die größte Schwierigkeit im Umgang mit meinen Kreuzen entstand im sinnlichen Kreuz des Lichtes, der Auferstehung. Eine sinnliche Erfahrung, die über die Wahrnehmung des Verstandes hinausreicht.

Die Schönheit des Glaubens muss in den Mittelpunkt gestellt werden. Schuld und Sühne dürfen nicht als Machtinstrument missbraucht werden. Es kommt darauf an, Menschen vom Kreuz zu holen und nicht ans Kreuz zu schlagen.

Bei aller Berechtigung der Tatsache, dass im Leiden gerade aus christlicher Sicht Wahrheit liegt, darf man sich nicht auf Schmerz, Trauer, Melancholie beschränken. Christus hat nicht verlangt, dass wir das Leiden lieben müssen, sondern unseren Nächsten wie uns selbst. Für mich gilt es nicht nur eine Ästhetik der Zerknirschung, eine Ästhetik des Leidens zu bearbeiten, sondern eine Ästhetik der Auferstehung zu erarbeiten.

Das Kreuz als Zeichen des Heils, des Lichtes und der Auferstehung ist in unser Leben zu setzen. Das Lichtkreuz soll den Weg zu Gott leichter machen, wie eine Himmelsleiter.

Das Kreuz kann Trost, Leichtigkeit und Hoffnung schenken. Alles Erdenschwere kann gerade im Angesicht des Todes überwunden werden.

Das Kreuz ist Himmelszeichen und Himmelsleiter zugleich.

Wer sich der Liebe, der Liebe Gottes verschließt landet im Dunkeln.

Wer das Licht meidet, lebt im Schatten.

Gott ist Liebe, Gott ist Licht, dass ist die einfache Gleichung.

Wir Christen müssen uns nicht im Schatten des Kreuzes auflösen, sondern wir werden aufsteigen in sein Licht.

Ludger Hinse

 

Literaturhinweise:

·         Die Bibel

·         Aufsatz „Für uns gekreuzigt?" Prof. Franz-Josef Nocke erschienen in „Heilsame Sprache, Hirschberg 2002

·         Aufsatz „Umkehr zur Kunst. Umkehr durch Kunst." Prof. Peter Steiner erschienen in Christ in der Gegenwart, Nr. 6/2008

·         „Zwischen Freiheit und Bindung" Friedhelm Menneckes, Wienand Verlag 2008

·         „Sterben ist doch ganz anders" Joh. Christoph Hampe Kreuzverlag Stuttgart

·         Chrismon 12/2008

·         Aufsatz „Mythos Licht" von Prof. Dr. Jan Assmann